Warum darf ein Beruf mit Lust kein gutes Geld verdienen?
Es gibt eine Frage, die mich seit vielen Jahren begleitet.
Eine Frage, die so einfach klingt – und doch einen gesellschaftlichen Nerv trifft:
Warum darf ich für meine Lust und mein Können innerhalb einer bewusst gewählten sexuellen Begegnung kein gutes, sauberes Geld verdienen – wenn ich es doch aus freiem Willen tue?
Ich höre dann immer, ja wenn es dir doch so viel Lust macht, ist es doch auch für dein Wohl und dann sollte es nichts oder weniger kosten. Und da ist sie wieder, die „Schuldumkehr“. Aha da war einmal Schuld an Lust geknüpft?
Allein das Aussprechen dieser Frage löst Irritation aus.
Manche reagieren mit moralischer Empörung.
Andere mit Abwertung.
Wieder andere mit Schweigen.
Und genau dort beginnt das eigentliche Thema.
Das Denkverbot
Rund um weibliche Sexualität existiert ein jahrhundertealtes Denkverbot.
Eine unsichtbare Grenze, die wir zwar selten benennen, aber deutlich spüren.
Sexualität – ja.
Begehren – vielleicht.
Lust – unter bestimmten Bedingungen.
Aber Geld?
Sobald Lust und Geld im selben Satz auftauchen, wird es brisant. Noch brisanter wird es wenn Liebe und Geld im selben Satz auftauchen. Siehe dazu den nächsten Blogartikel.
Warum eigentlich?
In fast allen anderen Bereichen unseres Lebens ist es selbstverständlich, dass wir für unsere Fähigkeiten, unsere Zeit und unsere Energie entlohnt werden. Männer dürfen seit jeher Berufen nachgehen – selbst solchen, die gesellschaftlich fragwürdig sind – ohne dass ihre Würde grundsätzlich infrage gestellt wird.
Doch wenn eine Frau ihre Sexualität selbstbestimmt lebt und dafür eine finanzielle Gegenleistung erhält, wird sie moralisch eingeordnet. Stigmatisiert. Abgewertet.
Was genau wird hier eigentlich verurteilt?
Die Lust?
Das Geld?
Oder die Selbstbestimmung?
Der vermeintlich „bessere“ Deal
Wir leben in einer Kultur, in der viele Frauen ihre Sexualität in Beziehungen oder Ehen einbringen, ohne jemals offen über ihren Wert zu sprechen. Oft fließt dort ebenfalls ein wirtschaftlicher Aspekt mit – nur subtiler, gesellschaftlich akzeptierter.
Versorgung.
Sicherheit.
Status.
Gemeinsame Existenz.
Aber niemand nennt es beim Namen.
Ist das ehrlicher?
Ich stelle diese Frage nicht, um zu provozieren, sondern um einen blinden Fleck sichtbar zu machen: Vielleicht ist es weniger die Sexualität gegen Geld, die uns erschüttert – sondern die Offenheit darüber.
Denn Offenheit entzieht dem System die Kontrolle.
Selbstbestimmung statt Stigma
Was wäre, wenn wir weibliche Sexualität nicht länger als etwas betrachten würden, das entweder romantisch verklärt oder moralisch reguliert werden muss?
Was wäre, wenn wir beginnen würden, zwischen Ausbeutung und bewusster Entscheidung klar zu unterscheiden?
Nicht jede Form sexueller Ökonomie ist per se entwürdigend.
Und nicht jede Ehe ist per se frei.
Die entscheidende Frage lautet:
Wer bestimmt? Wer verhandelt? Wer trägt Verantwortung?
Solange Sexualität nicht als ein Bereich gilt, in dem Frauen souverän entscheiden dürfen – inklusive der ökonomischen Dimension – bleibt Gleichwertigkeit eine Illusion.
Die eigentliche Verhandlung
Ich glaube, wir brauchen keine moralischen Schnellurteile.
Wir brauchen eine neue Form der Verhandlung.
Eine, in der Rechte und Pflichten in Beziehungen, Affären oder Begegnungen bewusst austariert werden.
Eine, in der Ehrlichkeit höher steht als gesellschaftliche Fassade.
Eine, in der sowohl Männer als auch Frauen Verantwortung für das größere Ganze übernehmen.
Denn das Problem liegt nicht in der Lust.
Nicht im Geld.
Nicht im Körper.
Das Problem liegt im ungeprüften Denkverbot.
Solange wir bestimmte Fragen nicht stellen dürfen, bleiben wir in emotionalen Verstrickungen gefangen. Dann entstehen Verwirrung, Frustration, Doppelmoral – und letztlich genau jene Symptome, die wir später pathologisieren.
Ein Schritt in Richtung Freiheit
Freiheit beginnt nicht im Außen.
Sie beginnt mit Selbstkenntnis.
Mit der ehrlichen Frage:
Was ist meine Sexualität mir wert?
Und darf ich diesen Wert selbst definieren?
Erst wenn wir den Mut haben, auch unbequeme Fragen auszuhalten, kann sich etwas bewegen. Vielleicht nicht sofort gesellschaftlich. Aber innerlich.
Und jede innere Klärung ist ein Schritt heraus aus der alten Pattsituation zwischen Moral und Begehren.
Ich bin überzeugt:
Wir werden das Alte nicht mit dem gleichen Denken lösen, in dem es entstanden ist.
Also lasst uns neu denken.
Neu fühlen.
Neu verhandeln.
